Gedeckter Tisch  c  Rawpixel Shutterstock

Einfache Lösung statt komplexer Diagnose

Über den Glutenfrei-Trend und seine Auswirkungen für Zöliakie-Betroffene habe ich ja schon öfter geschrieben. Zum Beispiel hier: „Wenn eine Krankheit zum Lifestyle-Trend wird„, oder hier: „Du verzichtest auf Gluten? Feuer frei!„, oder hier: „Glutenfrei doch mehr als eine Modeerscheinung?„. Und bevor ihr euch jetzt denkt: Nicht schon wieder!! – lasst mich kurz erklären. Es ist nun einmal so, dass man von Menschen danach beurteilt wird, wie sie ein Thema sehen. Manchmal ganz unabhängig davon, wie die Faktenlage wirklich ist. Und so geht es uns Zöliakie-Patienten derzeit dauernd. Ständig ist man mit der unterschwelligen Unterstellung konfrontiert, man wolle sich ja nur wichtig machen, wenn man nach glutenfreiem Essen verlangt. Weil man ja im Trend sein will.

Natürlich könnte ich erklären, dass ich ja nicht so eine bin. Weil ich bin ja wirklich krank, mein Körper reagiert ja tatsächlich heftig. Aber muss ich das wirklich? Geht wirklich jeden Kellner, jeden Koch, jeden der mir beim Essen gegenübersitzt meine Krankheitsgeschichte etwas an? Genau deshalb schätze ich ja die Allergenverordnung. Durch sie kann ich mit einem Blick herausfinden, was auf der Speisekarte für mich essbar ist und was nicht.

Und, auch das schreibe ich nicht zum ersten Mal, jeder soll das essen, was er oder sie für richtig hält. Und auch das, was ihm oder ihr gut tut. Warum muss man sich ein Urteil darüber anmaßen?

Aber wie bei fast allem im Leben, gibt es dazu natürlich auch eine andere Seite. Nämlich die der Geschäftemacherei und die der Folgen einer unbegründeten Hysterie. Diesen Themen widmete sich kürzlich das Team des Floridsdorfer Allergiezentrums in einer Pressekonferenz. Man ging der Frage nach, warum Gluten, Histamin, Fruktose, Laktose,… so vielen Menschen Angst vor negativen Auswirkungen auf ihre Gesundheit machen. Darauf geben die Experten vielschichtige Antworten. Eine klare Absage hingegen erteilen sie Selbsttests im Internet und pseudowissenschaftlichen Methoden wie zum Beispiel Bioresonanz.

 

Nahrung verändert sich – und wird weniger verträglich

 

Dass die Zahl der Menschen steigt, die an Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten leiden, sei zu einem gewissen Teil nicht zu bestreiten. Und das liegt auch und vor allem an der Nahrung, wie Dr. Stefan Wöhrl erklärt: „Die Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker etwa wird durch die vermehrte Verwendung von Fruchtzucker und Zuckeraustauschstoffen vor allem in Fertignahrung tatsächlich häufiger. Echte, gefährliche Nahrungsmittel-Allergien auf z.B. Nüsse, Fisch oder Meeresfrüchte hingegen bleiben mit ein bis drei Prozent der Bevölkerung relativ konstant und sind damit glücklicherweise bedeutend seltener als angenommen.“ Ähnliches wird allerdings auch beim Weizen vermutet. Aufgrund der Genveränderung und Züchtung für besonderen Ertragreichtum und Widerstandsfähigkeit wird vermutet, dass immer weniger Menschen diesen veränderten Weizen vertragen.

Brot  c  Robert Milek Shutterstock

Zu dieser Zahl an tatsächlich immer mehr Menschen mit Unverträglichkeiten, kommt auch eine Zahl an Menschen, die aus anderen Gründen auf Lebensmittel verzichten oder nur glauben, an einer Unverträglichkeit zu leiden. Das erklärt Psychologin Ulrike Schiesser so:

Ernährung ist ein großes Thema, weil es jeden von uns betrifft. Nahrungsaufnahme steht in Verbindung mit Kontrolle. Ich kann die Welt um mich herum nicht steuern, aber ich kann bestimmen, was ich wann esse. Es wird nach Substanzen in Nahrungsmitteln gesucht, die schuld sein könnten an körperlichen und psychischen Beschwerden. Damit wird z.B. Müdigkeit und Energielosigkeit als Folge einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit etikettiert statt als Folge eines überfordernden Lebensstils – eine simple Erklärung für ein komplexes Phänomen. Leidet man an einer Allergie oder Intoleranz, kann man außerdem von seiner Umgebung Aufmerksamkeit und Rücksicht einfordern.

Und wenn wir uns ehrlich sind, jeder von uns kennt so jemanden. Von dieser Warte aus betrachtet verstehe ich es wieder, warum das Glutenfrei-Thema viele so nervt.

 

Wenig aussagekräftige Tests

 

Bei Lebensmittel-Unverträglichkeiten – und übrigens auch bei Zöliakie – ist der Weg zur gesicherten Diagnose oft ein langer. Einfache Lösungen und Heilungsversprechen sind daher verlockend, sagt Schiesser: „Zwar sind wir durchaus in der Lage, komplexe Dinge durchzudenken, doch das kostet Energie und Motivation. Wir bevorzugen verkürzte Meinungsbildungsprozesse und simple Lösungen.“

Genau diese einfachen Antworten versprechen Tests, die ohne medizinischen Hintergrund meist über das Internet angeboten werden. Statt einer Diagnose beim Facharzt, macht man einen kurzen, fragwürdigen Bluttest, statt einer Beratung durch Ernährungsexperten erhält man eine lange Liste mit Lebensmitteln: „Die Betroffenen sind mit den Testergebnissen allein gelassen und verunsichert. Durch falsche Maßnahmen verlängern sie ihr Leiden und laufen Gefahr in eine Mangelernährung oder künstlich verursachte Essstörung abzugleiten.“

Obwohl es bei der Pressekonferenz nur um Lebensmittelallergien ging, was Zöliakie ja streng gesehen nicht ist, fand ich grundsätzlich einige Erkenntnisse der Experten sehr interessant. Weil, ja, vermeintlich schnell, einfache Lösungen sind natürlich attraktiver als Antikörper-Test und Darm-Biopsie. Genau darauf verzichten aber viele, sie fangen an sich glutenfrei zu ernähren, fühlen sich tatsächlich besser und haben aber nie eine genau Diagnose. Das ist nicht ratsam! Man sollte wissen, was mit dem eigenen Körper los ist, warum etwas gut tut und etwas anderes schadet.

 

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