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Studie: Reoviren können Zöliakie auslösen

Über jene Studie, die zeigt dass bestimmte Viren Zöliakie auslösen, habe ich schon einmal geschrieben – mehr dazu hier: Viren als Auslöser für Zöliakie? Zu diesem Zeitpunkt war die Studie noch nicht vollständig abgeschlossen. Das ist sie aber jetzt und ihre Ergebnisse wurden im renommierten Fachmagazin „Science“ veröffentlicht. Was die Erkenntnisse denn nun genau bedeuten und wie vor allem betroffene Eltern beim Thema Impfung und Beikost-Einführung agieren sollen, habe ich mit Dr. Reinhard Hinterleitner (im Bild mit seinen Forschungskollegen, er ist in der Mitte) besprochen. Der Österreicher ist seit vier Jahren Teil des Forschungsteams, dessen Ergebnisse nun viel Aufsehen in der Fachwelt und bei Betroffenen erregt haben.

Wie sind Sie dazu gekommen, zum Thema Zöliakie zu forschen?

Ich habe in Innsbruck meinen PhD im Bereich Immunologie und Onkologie gemacht und dort auch meine jetzige Freundin Marlies kennengelernt. Marlies hat seit ihrem sechsten Lebensmonat Zöliakie – interessanterweise hatte sie damals eine Rotaviruserkrankung. Ich hatte bis zu unserem Kennenlernen keine Ahnung, was Zöliakie ist, habe aber durch Marlies alles gelernt. Nach unserer Doktorarbeit wollten wir dann in die USA um weiterzuforschen und um unsere wissenschaftliche Karriere voranzutreiben. Durch Zufall sind wir dann auf das Labor von Professor Bana Jabri gestossen, die eine sehr anerkannte Zöliakie-Forscherin ist. Das passte natürlich perfekt. Ich habe das Erwin-Schroedinger Fellowship beim Österreichischen Wissenschaftsfonds beantragt, eben um an dem jetzt publizierten Projekt teilnehmen zu können.

Wie hat das Forschungsprojekt ausgesehen?

Seit vier Jahren forsche ich nun an dem Projekt. Natürlich mit Hilfe einer Menge anderer Wissenschaftler, da die Experimente und Analysen extrem komplex sind. Wir haben den großen Vorteil, dass an der University of Chicago ein Zentrum für Zöliakiepatienten ist. Das heißt, alle Personen werden bei uns an der Klinik untersucht und viele sind bereit Blut oder Darmbiopsien für Forschungszwecke zu spenden. Unsere Studie  war eine Mischung aus Mausexperimenten, um die Mechanismen zu studieren (zum Beispiel wie das Immunssystem auf dem Reovirus reagiert). Und wir haben viele Daten von Patienten analysiert: Antikörper im Blut, Genexpression in Darmbiopsien,…

Die Studie zeigte, dass ein Virus – konkret eben der Reovirus – Auswirkungen auf das Immunsystem hat und eine Autoimmunkrankheit wie Zöliakie auslösen kann. Was genau ist dieser Reovirus?

Der Reovirus ist ein doppelsträngiger RNA-Virus, der mehrere Arten von Säugetieren infizieren kann (inklusive Mensch und Maus). Reoviren sind in unserer Umwelt weit verbreitet, das heißt, viele werden im Laufe ihres Lebens von diesem Virus infiziert. Die Infektion erfolgt oral und wird oft nicht bemerkt, da eben dieser Virus bei Erwachsenen oft keine Symptome auslöst. Bei Kleinkindern kann das Reovirus eventuell Durchfall auslösen. Dieser Virus besteht aus zehn Gen-Segmenten, welche beliebig zwischen verschiedenen Reovirusstämmen getauscht werden können. Je nachdem, welche Kombination das Reovirus besitzt, kann der Virus die orale Toleranz auf Gluten aushebeln. Wir haben in unserer Studie gezeigt, dass ein Reovirus das kann (T1L) und einer mit einer anderen Kombination der Gensegmente nicht (T3D-RV). Da sich die Gene der Viren unterscheiden, wissen wir nicht welches Virusgen genau mit dem Verlust der oralen Toleranz einhergeht. Das ist Teil einer angehenden Folgestudie.

Das Reovirus:

reovirus

Wie reagiert der Körper normalerweise auf dieses Virus und wie das Immunsystem von jemandem, der eine genetische Disposition für Zöliakie hat?

Bei jedem Menschen löst das Virus eine schützende Immunantwort des Körpers aus, egal ob man eine genetische Disposition für Zöliakie hat oder nicht. Das heißt, der Virus ist normalerweise nach einer Woche vollständig vom Körper entfernt. Der Körper bildet schützende Antikörper auf Reovirus. Das sind die Antikörper, die wir in der Studie im Blut von Kontroll- und Zöliakiepatienten gemessen haben. Was jedoch sehr unterschiedlich sein kann zwischen Menschen mit genetischer Disposition für Zöliakie ist die Art und Stärke, wie auf das Virus reagiert wird; und welche Langzeitveränderung das Virus auf den Menschen haben kann.

Warum löst Gluten eine so heftige Reaktion aus?

Wenn man keine Zöliakie hat, wird Gluten nicht als „fremd“ erkannt und die T-Lymphozyten, die spezifisch auf Gluten reagieren, lösen keine Immun-Antwort aus; das sind regulatorische T-Zellen. Bei Zöliakie-Patienten sind diese Zellen nicht regulatorisch, sondern pro-entzündlich. Das heißt diese T-Zellen werden aktiviert wenn ihnen Gluten präsentiert wird und sie produzieren ein pro-entzündliches Zytokin: Interferon-gamma. Dieses Zyokin kann im Darm andere Immunzellen aktivieren und viel Schaden anrichten, wie zum Beispiel die Zerstörung der Darmepithelzellen.

Das heißt, diese Virusinfektion kann auch der Grund sein, warum Zöliakie zu den unterschiedlichsten Zeiten (Kind, Teenager, Erwachsener) auftreten kann?

Ja, auf auf jeden Fall. Es kann auch sein, dass bei manchen Menschen mehrere Infektionen mit verschieden Viren notwendig sind um schlussendlich Zöliakie zu bekommen (daher ein eventuelles Auftreten der Krankheit als Erwachsener). Unsere Studie war erst der Anfang, und ich glaube unsere Studie war ein Anstoss für andere Wissenschaftler und Kliniker weiter in diese Richtung zu forschen.

Lässt die Studie Rückschlusse darauf zu, wie man vermeiden kann an Zöliakie zu erkranken?

Leider kann man es nicht vermeiden sich mit dem Reovirus zu infizieren, da er omnipräsent in unserer Umwelt ist. Die Überlegung ist aber nun, einen Impfstoff gegen Reoviren zu entwickeln um zumindest Kleinkinder, die erhöhtes Risiko haben (zum Beispiel ein Familienmitglied mit Zöliakie) zu impfen. Aber das bedeutet nicht, dass Reoviren die einzigen Viren sind, die Zöliakie auslösen können – wir haben nur noch keine anderen gefunden. Zöliakie wird außerdem bestimmt nicht immer von Viren ausgelöst, aber sie können einen signifikanten Beitrag leisten. Mit der richtigen Impfung in der Zukunft kann so hoffentlich zumindest ein großer Teil von Erkrankungen vermieden werden.

 

 

Was würden Sie Eltern mit den genetischen Voraussetzungen für Zöliakie im Hinblick auf Ernährung und Impfungen für ihr Baby empfehlen?

Auf jeden Fall die Impfung gegen den Rotavirus. Auch wenn wir in unserer Studie keinen Zusammenhang mit Zöliakie gefunden haben, gibt es eine Langzeitstudie, wo der Rotavirus mit Zöliakie in Verbindung gebracht wird. Eine Reovirusimpfung gibt es noch nicht, aber hoffentlich bald. Zum Thema Ernährung generell: Immer ausgewogen, glutenhältige Produkte ab dem sechsten Monat zuführen. Aber vielleicht nicht genau zum ersten Mal, wenn gerade eine Viruserkrankung vorliegt oder der Verdacht darauf. Und das Kleinkind immer gut beobachten auf jene Symptome, die mit Zöliakie in Verbindung stehen.

Welche Projekte und Forschungen gibt es derzeit zum Thema Zöliakie noch und ist eine Folgestudie zur Reovirus-Studie geplant?

Der Großteil der Forschung von Bana Jabri dreht sich um Zöliakie und einige Studien sind im Entstehen. Zum Beispiel welche Immunzellen genau für die Zerstörung der Epithelzellen verantwortlich sind und warum manche Immunzellen im Darm vom Zöliakiepatienten phenotypisch anders sind, auch wenn man sich jahrelang glutenfrei ernährt. In der Folge zur aktuellen Studie forschen wir weiter, welche Gene von Reoviren für den Verlust der oralen Toleranz verantwortlich sind und versuchen andere Viren zu finden, die ähnlich wie Reoviren Zöliakie auslösen könne. Ich selbst werde teilweise an der Folgestudie beteiligt sind, bin aber auch dabei meine Karriere in Europa/Österreich als eigenständiger Forscher zu etablieren.

Vielen Dank für das ausführliche und interessante Gespräch!

 

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