Silvan klein

„Ich bin froh über die Diagnose Zöliakie“

Silvan Hässig ist eigentlich noch ein „Frischling“. Erst im Jahr 2015 wurde Zöliakie bei ihm diagnostiziert. Doch binnen kürzester Zeit hat er die Krankheit angenommen, sich mit allen Aspekten auseinandergesetzt und ein glutenfreies Leben begonnen, über das er auf www.glutenfreiewelt.ch bloggt. Im Interview erzählt der Schweizer, wie es ihm anfangs ging und was er Zöliakie-Neulingen rät.

 

Barbara: Wann und wie wurde Zöliakie bei dir diagnostiziert?
Silvan: Ziemlich genau vor zwei Jahren, Anfang 2015. Festgestellt wurde sie durch einen Bluttest. Meine Schwester hat Zöliakie, sie hatte kurz zuvor die Diagnose bekommen. Da sie im Krankenhaus arbeitet, war ihr die Krankheit schon ein Begriff. Auf ihren Rat hin habe ich mich auch testen lassen. Anfangs habe ich mich gewehrt, aber dann doch dazu überreden lassen. Der Arzt hat mir Blut abgenommen und als er die Werte sah, meinte er: „Eigentlich ist der Fall klar, aber wenn du willst können wir eine Biopsie auch machen.“ Darauf habe ich verzichtet, weil die Werte so eindeutig waren.

 

War dir Krankheit vorher schon ein Begriff?
Meine Schwester bekam die Diagnose nur wenige Monate vor mir, aber ich wusste weder was das ist, noch wie man es schreibt und so.

 

Was war dein erster Gedanken nach der Diagnose?
Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt und deshalb war ich auch nicht geschockt. Das war mehr so ein: „Okay, cool, hab ich das halt und gut ist.“ Als ich aber dann genau wusste, was Zöliakie bedeutet, dachte ich mir schon: „Oh, Scheiße, ich kann nicht mehr dies und jenes machen.“ Also die ganzen Ängste und Sorgen, die jeder am Anfang hat, waren bei mir auch da. Aber diese Ängste haben sich dann auch wieder aufgelöst, weil viele Sorgen unbegründet sind.

 

Wie ging es dir mit der Ernährungsumstellung?
Mir ging es eigentlich ganz gut damit. In den ersten Wochen habe ich ganz viele kleine, dumme Fehler gemacht und dadurch trotzdem noch Gluten abbekommen. Mit der Zeit habe ich mich aber immer mehr darauf eingestellt und wusste, wo ich meine Lebensmittel herbekomme und so weiter. Es war für mich nicht so eine krasse Umstellung. Ich habe schon vorher sehr auf meine Ernährung geachtet, mich gesund ernährt und zu Hause wurde viel frisch gekocht. Daher kam ich ziemlich gut damit zurecht. Aber es gibt natürlich auch viele neue Dinge, die ich zuvor gar nicht gekannt oder nur sehr selten gegessen habe.

 

In einem deiner Blogbeiträge schreibst du, du liebst deine Zöliakie – wie darf man denn das verstehen?
Ich liebe wirklich meine Zöliakie, weil mit der Diagnose wurde mir bewusst, welche Auswirkungen Ernährung auf den Körper hat. Und seit diesem Zeitpunkt geht es mir auch wesentlich besser. Deshalb liebe ich meine Zöliakie und bin sehr froh darüber, dass ich die Diagnose bekommen habe. Wenn ich oft höre, wie lange es bei anderen dauert, bis sie Klarheit haben, bin ich froh, dass es bei mir „nur“ circa drei Jahre waren und meine Beschwerden nicht ganz so schlimm waren. Die Krankheit hat mein Leben auf vielen Ebenen verändert.

 

Was fehlt dir am meisten, von dem es auch kein glutenfreies Ersatzprodukt gibt?
Mir fehlt eigentlich nichts. Das ist eigentlich erstaunlich, aber ich kriege eigentlich alles, was ich will. Nur einen Döner hab ich schon ewig nicht mehr gegessen, also einen richtig coolen. Da gibt es nicht wirklich ein gutes Ersatzprodukt, das mit einem richtig geilen Döner vergleichbar ist. Man kann ihn natürlich zu Hause machen, aber der ist halt nie so gut wie im Dönerladen. Das ist das einzige, was ich noch nie hatte seit meiner Diagnose. Aber sonst fehlt mir wirklich nichts, es gibt alles schon als glutenfreie Variante. Und wenn es etwas nicht gibt, dann mache ich es selbst oder probiere es zumindest selbst. Deshalb vermisse ich gar nichts.

 

Wie hat dein Umfeld die Diagnose aufgenommen?
Eigentlich ganz gut. Meine Freunde haben nachgefragt und waren sehr interessiert. Größtenteils haben sie es auch respektiert. Und wenn wir jetzt zusammen essen gegangen sind, haben sie immer drauf geschaut, dass ich was zu essen kriege. Meine Freunde sind wirklich tolle Leute und die verstehen das auch. Bei der Arbeit gab es schon immer wieder mal dumme Sprüche, so wie: „Schau mal, das Wasser ist extra glutenfrei“ und so. Aber das war auch mehr Spaß. Natürlich kommt es vor, dass mir etwas Glutenhaltiges angeboten wird. Aber das ist ja nicht böse gemeint.

 

Wirst du verstanden oder manchmal auch nicht ganz ernst genommen?
Ich schaue, dass ich ernstgenommen werde. Das ist ganz klar eine Frage der Kommunikation. Du musst halt wirklich klar sagen, was du hast und was du brauchst. Und wenn du das nicht kannst, musst du es lernen. Also wirklich deutlich machen, dass man Zöliakie hat und sich nicht einfach so glutenfrei ernährt. Viele kennen es nur als Lifestyle-Thema und nehmen es dann auf die leichte Schulter. Obwohl sie eigentlich wissen, was Zöliakie ist. Ich habe auch schon mit vielen Köchen gesprochen und die meinten, es sei wirklich wichtig zu sagen, dass man Zöliakie hat und man sich tatsächlich glutenfrei ernähren MUSS. Es ist wichtig, das zu kommunizieren, damit das Thema Kontamination in der Küche nicht auf die leichte Schulter genommen wird.

 

Wie waren deine ersten glutenfreien Backversuche?
Oi,oi,oi – das war wirklich erbärmlich. Ich bin jetzt nicht der große Backkönig und mache es auch nicht so oft, ich koche viel, viel lieber. Brot ist natürlich die Königsdisziplin. Ich habe schon ein paar sehr gute Brote hingekriegt, aber ich habe auch schon ganz viele für die Tonne gemacht. Daher: Die Motivation nicht verlieren, dranbleiben, immer wieder probieren. Einfach nicht aufgeben, dann klappt das bestimmt. Nur nicht entmutigen lassen. Dass es beim ersten Mal nicht klappt, ist glaub ich bei jedem so. Glutenfrei ist schwierig zu backen, aber nur durch versuchen wird es besser. Und sich genau an erprobte Rezepte halten!

 

Welchen ultimativen Tipp hast du für einen Neuling?
Das ist eine gute Frage. Die einzig richtige Antwort ist: Nicht unterkriegen lassen. Es gibt ganz viele Tipps, aber das ist wirklich der wichtigste. Du darfst die Motivation nicht verlieren. Es gibt so viele tolle Dinge da draußen, die du machen kannst. Und die du auch glutenfrei problemlos machen kannst. Man darf nur den Mut nicht verlieren, immer dran bleiben und positiv bleiben. Und mal auf meinem Blog vorbeischaun 😉 Der Austausch mit anderen Zölis ist auch sehr wichtig.

 

Lieber Silvan, vielen Dank für das tolle Interview!

 

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